Wer wir sind und was wir wollen

 

2006 haben wir, eine Gruppe von Juristen, Ärzten, Psychologen und Lehrern, den Verein Kischuno - Kinder in Schulnot gegründet. Anlass waren uns bekannt gewordene Fälle von verbaler, körperlicher und sexueller Lehrergewalt an Schülern in staatlichen deutschen Schulen.  Jahrelang hat unser Team Eltern, Schüler und auch Lehrer beraten - mit dem Ziel, die Situation für die Kinder und Jugendlichen zu verbessern. Doch immer wieder sind wir an den Mauern von Schulleitungen und Schulaufsichtsbehörden, also an den Menschen, die für die Sicherheit und das Wohlergehen unsere Kinder verantwortlich sind, abgeprallt. Eltern, die Fälle von Lehrergewalt gemeldet haben, wurden zum Teil mit perfiden Mitteln bedroht und unter Druck gesetzt. Unser größtes "Erfolgs"- Erlebnis war schließlich die Erfahrung, die uns am meisten in unserer Arbeit beschämt hat: Ein Lehrer, dem von unzähligen Betroffenen über mehr als 10 Jahre hinweg sexuelle Gewalt an Schülern vorgeworfen wurde, dieser Lehrer wurde schließlich von der für ihn verantwortlichen Bezirksregierung lediglich an eine andere Schule versetzt. Unsere Erfahrung hat gezeigt, dass es nach einer solchen Versetzung ca. 1-2 Jahre dauert, bis den Kindern an der neuen Schule geglaubt wird, was sie erzählen. Das bedeutet, dass der Lehrer sehr viel Zeit hat, sich in aller Ruhe neue Opfer zu suchen. Dieses Ergebnis unserer Arbeit wurde von uns allen als unerträglich betrachtet. Wir haben daher mit unserer Vereinsarbeit pausiert, um uns neu zu definieren.

 

Ich selbst habe mich in dieser Zeit darauf spezialisiert, mit Hilfe von EMDR, einer Traumtherapie-Methode, Kindern wieder zu einem normalen Leben zu verhelfen, die Opfer von den verschiedensten Formen von Lehrergewalt geworden sind. Einige dieser Opfer arbeiten heute, nachdem sie die schlimmen Erlebnisse emotional verarbeitet haben, in unserem Verein mit.

 

Fast 10 Jahre war ich mit dieser Form von Trauma-Arbeit und meinem Hilfsangebot zufrieden. Doch dann hat sich eines Tages die Mutter von Johannes, Frau F., weinend bei mir gemeldet. Johannes war zu dem Zeitpunkt 8 Jahre alt, hochbegabt und spastisch gelähmt. Seine Behinderung erlaubte ihm kein Toben auf dem Schulhof und er wurde von den anderen Jungs in seiner Klasse gehänselt und zunehmend körperlich gequält. Zusammen mit seiner Mutter bat ich Lehrerinnen und Schulleiter, den Jungen in den Pausen besser zu schützen. Doch die Antworten der Lehrer zeigten uns ihren Unwillen, ihre Überforderung, aber vor allem auch, dass sie selbst den hochbegabten Jungen und seine neugierigen Fragen und interessanten Antworten ablehnten. Auf vorsichtige und einfühlsame Befragung eines Kinderarztes hin, erklärte Johannes, dass seine Klassenlehrerin sich täglich über ihn lustig mache und die Attacken der Mitschüler geradezu anheize. Unsere Aufforderungen, den Jungen zu schützen, wurden immer eindringlicher. Ich vermittelte Frau F. einen engagierten Anwalt. Doch auch er erreichte nichts. Eines Morgens telefonierte ich gerade mit Johannes Mutter und wir besprachen, dass es nicht mehr zu verantworten sei, den Jungen weiter in diese Schule zu schicken. Da klingelte das Handy von Frau F. Die Klassenlehrerin teilte ihr aufgeregt mit, dass Johannes die Treppe heruntergefallen und der Notarzt bereits eingetroffen sei. Tatsächlich hatten Klassenkameraden den Jungen am Treppenansatz geschubst und er hatte sich beim Sturz mehrere Brüche zugezogen, da seine spastische Lähmung ihn daran hinderte, den Sturz auch nur im Ansatz aufzufangen. Johannes hat sich inzwischen erholt und besucht eine andere Schule. Während des juristischen Nachspiels fiel seitens der Aufsichtsbehörde immer wieder der Satz, so etwas sei an dieser Schule noch nie passiert. Die Lehrerin sei besonders beliebt bei Eltern und Kindern usw. usw.

 

Ein ganz wesentliches Problem im Rahmen des Themas "Lehrergewalt" ist, dass der Staat immer dann, wenn Übergriffe von Lehrern tatsächlich einmal bis vor ein Gericht gekommen sind, von einem "bedauerlichen Einzelfall" spricht. Tatsächlich gibt es auch heute, 15 Jahre nach Gründung unseres Vereins, keine offiziellen Zahlen zu Gewalttaten von Lehrern an Schülern. Während man im Ausland das Problem dieser sog. "missing numbers" bereits als ein politisches Instrument zur Vertuschung von Sachverhalten rege diskutiert, schweigt man in Deutschland dazu noch immer und täuscht unschuldig Unwissenheit vor. Tatsache ist, dass ein Problem politisch erst anfängt zu existieren und nach Bearbeitung drängt, wenn ich es zahlenmäßig erfasst habe. Also vermeide ich das tunlichst, indem ich das Problem bagatellisiere und jeden lächerlich mache, der auf seine Existenz hinweist.

Auch als Verein Kischuno können wir keine seriösen Hinweise darauf geben, wie viele Lehrer in Deutschland zu verbaler, körperlicher oder Sexueller Gewalt oder unterlassener Hilfeleistung neigen. Wir können an dieser Stelle nur bekannt geben, dass wir innerhalb von 5 Jahren 2131 Fälle bzw. Lehrer gemeldet bekommen haben. Einige der Lehrer wurden uns nur einmal gemeldet. Die meisten jedoch immer wieder. Diese Lehrer waren in der Regel bereits beim Schulpsychologischen Dienst bekannt, ohne dass dies Folgen für sie gehabt hätte. Auch der schulpsychologische Dienst untersteht leider der Bezirksregierung ...

Doch gebe ich zu bedenken, dass es in Fällen von Lehrergewalt eigentlich immer ganz viele Opfer gibt. Der Schulleiter der Odenwald Schule hat innerhalb kürzester Zeit mehr als 135 Schüler traumatisiert und fürs Leben gezeichnet. Doch auch die nicht unmittelbar betroffenen Mitschüler nehmen Schaden, wenn sie täglich beobachten müssen, wie anderen Gewalt angetan wird und niemand der Verantwortlichen dagegen vorgeht. Was für ein Wertesystem vermitteln wir ihnen damit? Wird die Schulpflicht nicht gerade damit begründet, dass Kinder in der Gemeinschaft ein gutes Sozialverhalten lernen sollen. Von welchen Vorbildern soll das geschehen?

 

Johannes Fall hat mich wieder aktiviert. Was bringt es, wenn ich mühsam Stunde für Stunde mit Hilfe von EMDR all die traumatisierte Kinder wieder fit für ein Schulsystem mache, in dem gewalttätige Lehrer im Stundentakt neue Opfer produzieren? 

Ist es nicht sinnvoller, den Staat auf sanfte Weise dazu zu bewegen, unsere Kinder in der Zeit, in der wir gezwungen werden, sie ihm anzuvertrauen, auch zu schützen und auf Fälle von Lehrergewalt angemessen zu reagieren?

 

In viel zu vielen Fällen, die uns gemeldet werden, bekommen Eltern von den Schulämtern oder Bezirksregierungen nicht einmal eine Antwort auf ihre Beschwerde zum Thema Lehrergewalt. 

Das führt mehr und mehr zu Resignation und Angst auf Seiten der Eltern und der betroffenen Kinder. Spätestens darin, dass die Opfer die Schule und damit auch ihre Freunde verlassen müssen, während die Täter bleiben und ungehindert weiter schlagen und missbrauchen dürfen, sehen wir eine Menschenrechtsverletzung.

 

Während dieser Staat die Katholische Kirche im 5-Minuten-Takt auffordert, sexuelle Gewalt aufzuklären, zu entschädigen und präventiv tätig zu werden, schaut er in seinen eigenen Reihen einfach weg, droht Eltern und vertuscht diese Fälle. 

 

Wir wollen das Thema Lehrergewalt an staatlichen deutschen Schulen aus der Tabuzone heraus ans Tageslicht ziehen und dem verlogenen Wegsehen ein Ende bereiten. Meine Idee ist es, das mit einer virtuellen Landkarte zu tun. Einzelheiten dazu lesen Sie unter "Landkarte der Gewalt". Wenn Sie an diesem Projekt mitarbeiten möchten, dann schreiben Sie mich an. Corona und der Umgang damit in unseren Schulen ist eine gute Gelegenheit, grundsätzliche Änderungen im Umgang miteinander anzustreben.

 

Abschließend möchte ich noch einen Gedanken äußern, der mir sehr am Herzen liegt: Als Verein haben wir uns überwiegend mit den wirklich schlimmen Fällen beschäftigt. Mit Fällen, in denen eine strafrechtliche Überprüfung angezeigt gewesen wäre. Aber wir müssen uns auch mit den weniger schwer erscheinenden Fällen von Demütigung und Entmutigung unserer Kinder durch das deutsche Schulsystem beschäftigen. Es sind mittelalterliche Methoden, wenn unseren Kindern täglich nur gezeigt wird, was sie nicht können, statt alles daran zu setzen, sie mit dem strahlen zu lassen, was sie eigentlich sind und ausmacht.